Die Geschichte der Augsburger Puppenkiste

Die Anfänge

Im Jahre 1940 wird der Soldat Walter Oehmichen in einer Schule bei Calais einquartiert und entdeckt ein kleines Puppentheater. Er unterhält damit seine Kameraden – die Wirkung ist verblüffend. Später sagt er: „Als ich mich mit Puppen beschäftigte merkte ich plötzlich, dass Puppentheater noch mehr Theater ist (…) je stärker ich die Menschen entrücken kann, desto mehr helfe ich ihnen.“

Sein Traum vom eigenen Puppentheater reift: Dieses, aufbewahrt in einer Kiste, soll jederzeit und überall bereit zu einer Vorstellung sein.

1943 dann bauen er, seine Frau Rose und ihre Töchter Hannelore und Ulla ihr eigenes Marionettentheater: den »Puppenschrein«, der allerdings ein Jahr später in einer Bombennacht in den Räumen des Stadttheaters Augsburg, in denen Oehmichen noch am Abend davor eine Vorstellung gab, verbrennt.

1944 wird Walter Oehmichen erneut eingezogen. In französischer Kriegsgefangenschaft fällt ihm einer seiner Mitgefangenen besonders auf: ein Mann, mit einem von Lachfältchen geprägten Gesicht, eine Frohnatur, ein Optimist, ein Mensch mit hintergründigem Witz. Durch ihn inspiriert, formt sich das Bild einer Figur: die des Kasperls. Er modelliert das Gesicht aus Tonerde, um es später in Holz nachzubilden. Das eher untypische Kasperlgesicht ist bis heute fester Bestandteil der Augsburger Puppenkiste.

Nach Kriegsende liegt Augsburg in Trümmern, aber die Familie Oehmichen ist nach vielen Umwegen wieder vereint. Gegen Lebensmittel spielen sie in den Kasernen der amerikanischen Besatzungsmacht und entwerfen dafür ein Micky-Maus-Ballett mit Marionettenfiguren.

Sie verlieren die Idee einer neuen Puppenbühne aber nicht aus den Augen. Mit dem ehemaligen Heilig-Geist-Spital in Augsburg findet Walter Oehmichen dann endlich einen Raum, der bis heute das Theater beheimatet.

Am 26. Februar 1948 ist es endlich soweit. Die Augsburger Puppenkiste wird mit dem Märchen „Der gestiefelte Kater“ eröffnet. In den folgenden Jahrzehnten werden Charaktere zum Leben erweckt, die der Puppenkiste ihre Einzigartigkeit verleihen. Walter Oehmichen, sein Regisseur Manfred Jenning und das ständig wachsende Ensemble inszenieren Märchen, zeigen liebevoll interpretierte Opern und schreiben auch immer mehr eigene Stücke. Der Kasperl, die Muminfamilie, Jim Knopf und Lukas, das Urmel, Bill Bo und Das Sams sind nur einige aus der Reihe der geliebten Darsteller. Durch viele Fernsehsendungen wird die Puppenkiste weit über die Grenzen Augsburgs hinaus bekannt.

Die nun schon in der dritten Generation geführte Augsburger Puppenkiste schafft es nach nahezu 15.000 Vorstellungen und unzähligen Fernsehproduktionen 1997 mit der „Story von Monty Spinnerratz“ auf die Kinoleinwand.
1998 war ein Jubiläumsjahr: Am 26. Februar feierte die Puppenkiste ihren 50. Geburtstag; gleich im Anschluss ging es auf eine 2-jährige Deutschland-Tournee, die äußerst erfolgreich verlief. Mit einer neu durchdachten Bühnenkonzeption und neuen Stücken wurde diese 2001 fortgesetzt.

Auch die Fernseharbeit wurde wiederbelebt: Die Puppenkiste verfilmte das phantastische Märchen „Lilalu im Schepperland“ in 13 Folgen. Danach startete ein weiteres, ungewöhnliches Projekt: In zahlreichen Kinderkrankenhäusern tanzten von 2003 an die Puppen, genauer gesagt brachten „Das kleine Känguru und der Angsthase“ kleinen Patienten ein bisschen Freude in den Klinikalltag.

So entstand das Theater

Als Walter Oehmichen nach dem Krieg an den Plänen für ein Puppentheater arbeitete, fand er einen leerstehenden Saal, der vom Statistischen Amt nicht mehr genutzt wurde.
Also begann er mit viel Geschick, im vom Stadtbaumeister Elias Holl von 1623 bis 1631 errichteten ehemaligen „Heilig-Geist-Spital“, den Bau der Puppenkiste.

Die erste Zeit in der Spitalgasse war improvisierter, als man glauben möchte: Die Scheinwerfer hatte Walter Oehmichen zusammen mit Fritz Häring in „Luftschutzwachen“ selber gebaut, diese hießen nach ihrem Erfinder Häring 1,2, und 3. Die Leuchter, die er aus dem alten, zerstörten Rathaus holte, sorgen noch heute im Zuschauerraum für Licht.

Der Bühnenvorraum wurde mit alten Reichsflaggen abgehängt, aus denen zuvor die Hakenkreuze herausgeschnitten wurden. An der gegenüberliegenden Wand wurde kurzerhand die Garderobe errichtet. Man saß mit schiefen Hälsen auf Bierstühlen, die hygienische Einrichtung erinnerte an sibirische Donnerbalken.

In den letzten 50 Jahren hat sich die Puppenkiste zu einem professionellen Theaterbetrieb entwickelt. Ein neues Tonstudio mit hoher Aufnahmequalität und neuestem Equipment wurde installiert. Im Jahr 2000 brachte das gesamte Theater einen aufwändigen Umzug hinter sich: Die ursprünglichen Räumlichkeiten mussten dringend renoviert werden; die gesamte Bühne konnte allerdings glücklicherweise im Haus bleiben – jetzt am anderen Ende des ehrwürdigen Spitals.

Bühnen-, Zuschauerraum und das Foyer wurden neu gestaltet. Das Tüpfelchen auf dem i war die Einrichtung des Puppentheatermuseums „Die Kiste“ im Stockwerk über der Bühne, wo geliebte Altstars und wechselnde Raritäten aus anderen Figurentheatern eine Heimat gefunden haben.

Eine Chronologie der Augsburger Puppenkiste

26. Februar 1948: Premiere in der Augsburger Puppenkiste.

1950 beginnt Walter Oehmichen mit Planungen für eine Reisebühne, die vom folgenden Jahr an ihre ersten Gastspiele gibt.

1950/51: Manfred Jenning inszeniert zum Jahreswechsel das erste Kabarett der Augsburger Puppenkiste.

1953: Mit „Peter und der Wolf“ wird die erste Fernsehproduktion live im NWDR ausgestrahlt. Damit wird die Puppenkiste auch über die Grenzen Augsburgs hinaus bekannt. In den darauffolgenden Jahren folgen jährlich mehrere Fernsehproduktionen und Neuinszenierungen auf der Augsburger Bühne.

1957 heiratet Tochter Hannelore den Schauspieler Hanns-Joachim Marschall, mit dem sie später die Leitung des Theaters übernimmt.
In der Folge entstehen etliche Neuinszenierungen und Produktionen für das Fernsehen. Unter anderem wird auch „Die Muminfamilie“ als erster Mehrteiler im Hessischen Rundfunk produziert.

1960 – 1968 entstehen unter anderem eine Inszenierung der Dreigroschenoper von Bertold Brecht, Fernsehproduktionen wie „Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer“, „Kater Mikesch“, „Der Räuber Hotzenplotz“ und „Bill Bo und seine Kumpane“.

1964 sendet der Hessische Rundfunk eine Dokumentation mit dem Titel: „Die Augsburger Puppenkiste und ihre Stars“, ein Jahr später bekommen Figuren der Augsburger Puppenkiste auf Briefmarken der Deutschen Bundespost einen würdigen Platz.

1969 wird „Urmel aus dem Eis“ fürs Fernsehen aufgezeichnet.

1970 werden die Gastspielreisen der Puppenkiste aufgrund zunehmender Auslastung der Puppenspieler eingestellt.

1976 wird „Jim Knopf und Lukas“ erneut gedreht – diesmal in Farbe.

1980: Nach dem Tod von Walter Oehmichen und Manfred Jenning übernimmt der Regisseur und Schauspieler Sepp Strubel die Fernsehproduktion, es entsteht „Am Samstag kehrt das Sams zurück“.

1985 übernimmt Hannelore Marschall-Oehmichen das Theater.

1986 – 1990 entstehen weitere Produktionen mit dem Hessischen Rundfunk. Außerdem wird jährlich ein neues Kabarettprogramm nach dem Vorbild Manfred Jennings inszeniert.
Auch im Ausland wird die Puppenkiste bekannt: In der Schweiz läuft „Dr Leu isch uf und dävu“ (Der Löwe ist auf und davon). Und auch in Kuwait erlebt man die Abenteuer von „Urmel aus dem Eis“.

1992 übernimmt Klaus Marschall in der dritten Generation der Familie Marschall- Oehmichen die Theaterleitung der Augsburger Puppenkiste.

1994 platziert sich die Gruppe Dolls United mit ihrem Remix des Urmelliedes und später mit „Eine Insel mit zwei Bergen“ ganz oben in den Hitparaden und Charts – zwei Riesenhits, die auch die Aufmerksamkeit der Teenager wieder auf die Puppenkiste lenken.

1997 läuft mit „Die Story von Monty Spinnerratz“ der erste Kinofilm der Augsburger Puppenkiste in den deutschen Kinos an.

26. Februar 1998: Die Augsburger Puppenkiste feiert ihren 50. Geburtstag und lässt die alte Tournee-Tradition mit Auftritten in ganz Deutschland wieder aufleben.

2000 – 2001 wird „Lilalu im Schepperland“, ein Mehrteiler, für ARD und Kinderkanal produziert. Diese Produktio war nominiert für den renommierten Grimme Preis.

2003 übernimmt Jürgen Marschall die Aufgabe, neue Holzköpfe und –geschöpfe für die Bühne zu fertigen.

2004 werden die Fernsehproduktionen der Augsburger Puppenkiste mit der „Goldenen Kamera“ ausgezeichnet.

2008 tritt Kasperl in einer Folge von „Bernd das Brot“ im Kinderkanal auf. Unterdessen hat die Puppenkiste neue Auftrittsmöglichkeiten für sich entdeckt: Man spielt zu viert in Kinderkrankenhäusern das Mut-mach-Stück „Das kleine Känguru und der Angsthase“.

2014 findet die Premiere von „Die Weihnachtsgeschichte“ im Augsburger Puppentheater statt.

2016 lockt der Film „Die Weihnachtsgeschichte“ über 100.000 Besucher in die deutschen Kinos.

Spannende Fakten zur Augsburger Puppenkiste:

Die Augsburger Puppenkiste ist nach der Tagesschau das älteste deutsche Fernsehprogramm.
Über 1200 TV Sendungen sind unter Beteiligung der Augsburger Puppenkiste entstanden.
In 67 Jahren haben mehr als 6 Millionen Zuschauer das Marionettentheater in Augsburg besucht.
Neben zahlreichen europäischen Ländern ist die Augsburger Puppenkiste auch in Japan, den USA und Kuwait aufgetreten.
„Die Weihnachtsgeschichte“ ist die erste Produktion der Augsburger Puppenkiste, die für die Leinwand adaptiert wurde.